Habe ich eine Körperschemastörung?

Habe ich eine Körperschemastörung?

Fühlst du dich in deinem Körper unwohl?

Ab wann ist es mehr als nur ein vorübergehendes Gefühl?

Woran kannst du erkennen, ob du eine Körperschemastörung hast?

Test-Fragen und ein Fallbeispiel aus meiner Praxis bringen dir Klarheit.

Habe ich eine Körperschemastörung?

Habe ich eine Körperschemastörung?

Samstagabend. Svenja, 25 Jahre, hat sich hübsch gemacht: geschminkt, gestylt und ihre coolsten Sachen angezogen. Sie ist auf dem Weg in den neuen angesagten Club in der Stadt.

Gerade steht sie vor dem Spiegel und prüft noch einmal ihre Erscheinung.

Eigentlich sieht alles perfekt aus und trotzdem überkommt sie plötzlich ein flaues Gefühl.

„Seh ich gut aus?“, fragt sie sich.

Sie überlegt, ob ein anderes Styling nicht besser zu ihr passen würde. Je länger sie darüber nachdenkt, umso mehr verliert sie die Lust auszugehen.

„Die anderen werden mich anstarren! Was werden sie von mir denken?“

Jetzt ist es zu spät noch was zu ändern, denn die Freundinnen kommen sie abholen.

Mit einem gereizten und unzufriedenen Gefühl kommt sie im Club an und ist sich bei jedem Schritt ihrer „Problemzonen“ bewusst. Sie versucht den Bauch einzuziehen und hofft, dass keiner so genau hinsieht und wünscht sich gleichzeitig, alle mögen sie toll finden.

Auf der Tanzfläche hat sie nicht wirklich Spaß. Warum eigentlich nicht? Sie weiß nicht, was mit ihr los ist.

Sie hasst sich selber dafür, dass sie so unentspannt ist.

Sie trinkt zu viel und bevor sie schlafen geht, stopft sich sich mit Süßigkeiten voll. Am nächsten Tag fühlt sie sich grässlich und macht sich Vorwürfe.

Was ist los mit Svenja?

Wann sehe ich gut aus?

Wenn die Sorge über das Aussehen überhand nimmt, ist das Identitätsgefühl nicht genügend gefestigt.

Bei Svenja ist das so.

Sie versucht sich zu sagen, dass doch alles perfekt ist:
„Ich bin eine junge Frau mit schönen langen Haaren, ich habe eine gut bezahlte Stelle in einer angesehenen Firma, ich habe einen netten, erfolgreichen Freund und eine hilfsbereite Familie, liebe Freundinnen.“

Doch das hilft ihr nicht. Sie fühlt sich nie richtig, nie wirklich schön, nie gut genug.

Komplimente helfen ihr auch nicht weiter.

Eine giftige innere Stimme macht sie immer wieder runter.

Die Körpersignale nicht spüren können

Svenja weiß meistens nicht genau, welche Signale ihr Körper an sie sendet. Sie will, dass er funktioniert und gut aussieht.

Das ist ein Zeichen für eine Körperschemastörung.

Es gibt bestimmte psychische Erkrankungen, bei denen die Betroffenen den Kontakt zu ihrem Körper verloren haben und Körperempfindungen nicht mehr richtig wahrnehmen können.

Man nennt das eine Körperschemastörung.

Betroffen sind davon Patienten mit Essstörungen, Psychosen oder psychosomatischen Erkrankungen und Patienten mit traumatischen Erfahrungen.

Die Symptome der Körperschemastörung sind bei jeder dieser Erkrankungen anders ausgeprägt, es gibt aber auch Gemeinsamkeiten:

Habe ich eine Körperschemastörung?

Ist dein Körper dein Feind?

Achtung: Dies ist eine Auswahl an Fragen, die auf eine Körperschemastörung hinweisen können. Sie dient nur zur Orientierung.
Diese Fragen ersetzen keine medizinische oder psychologische Diagnose!

  • Ich will meinen Körper nicht spüren, er soll funktionieren
  • Ich bekomme Angst, wenn ich Hunger spüre
  • Ich mag es nicht, wenn ich mich erschöpft fühle
  • Ich reiße mich oft zusammen
  • Ich tu so, als würde es mir gut gehen
  • Ich weiß nicht, was ich mag oder will und passe mich an andere an
  • Ich spüre nicht wo meine Körpergrenzen sind
  • Mit anderen Menschen verschmelze ich meistens
  • Ich weiß immer genau, was andere wollen, ohne, dass sie es aussprechen
  • Nähe und Alleinsein sind schwierig für mich
  • Manchmal denke ich, da ist etwas in meinem Körper, das nicht zu mir gehört
  • Ich kann mich nicht lieben
  • Ich kann mich nicht schön finden
  • Mein Körper gehört nicht zu mir
  • Ich fühle mich meistens neutral
  • Ich fühle entweder fast nichts oder viel zu viel (Wut, Ärger, Verzweiflung)
  • Echte Freude kenne ich nicht
  • Ich weiß nicht, ob ich jemanden lieben kann
  • Nach außen kann ich Wut nicht zeigen, sie explodiert in mir oder ich werde sofort traurig
  • Ich weiß nicht, wann ich satt bin. Das kann nach einem Bissen sein oder gefühlt nie
  • Ich kann den ganzen Tag nichts essen und spüre keinen Hunger
  • Heißhungerattacken überrollen mich ständig
  • Ich fühle mich eigentlich immer zu dick, egal, welches Gewicht ich habe
  • Auf leichte Erschöpfung reagiere ich nicht
  • Ich gehe erst ins Bett, wenn ich vor Müdigkeit fast umfalle
  • Ich höre erst auf zu arbeiten oder Sport zu machen, wenn ich richtig fertig bin
  • Ruhe, Pausen und Warten machen mich sehr unruhig
  • Ich mache eigentlich immer irgendwas, oft zwei Sachen gleichzeitig
  • Ich überfordere mich ständig

Der Körper – das bin nicht ich

Ein weiteres wichtiges Symptom der Körperschemastörung ist das Gefühl, der eigene Körper gehöre nicht zu einem selbst dazu.

  • Ich finde meinen Körper ekelhaft
  • Ich finde Teile meines Körpers eklig
  • Ich hasse meinen Körper
  • Ich hasse Teile meines Körpers
  • Ich habe nicht das Gefühl, dass das mein Körper ist
  • Ich bin nicht in meinem Körper, mein wahres Ich ist woanders
  • Ich versuche mich zu verändern mit Diäten, Hungern, exzessives Fittnestraining, teures Make-up, Kleindung, Operationen
  • Egal, was ich mache, ich fühle mich nur kurzzeitig besser

Abgespeichert im Körpergedächtnis

Eine Körperschemastörung geht nicht weg, indem man sich gut zuredet oder andere das versuchen. Auch nicht mit Zusammereißen, Disziplin oder Verdrängen.

Das Problem sitzt tiefer.

Die Seele ist betroffen und die Hilfe muss im Inneren eines Menschen ansetzen.

Erfahrungen aus der frühesten Kindheit, führen dazu, dass Frauen den Kontakt zu ihrem Körper verlieren oder gar nie richtig aufgebaut haben. (Männer betrifft das natürlich auch, aber ich beziehe mich hier nur auf Frauen und Mädchen).

Diese Erfahrungen werden vor allem im Körpergedächtnis abgespeichert und können über ein sprachlich-intellektuelles Vorgehen allein nicht geheilt werden.

"Mein Körper – das bin ich" - dieses Gefühl kann gelernt werden

Die gute Nachricht ist, dass das Körperschema in jedem Alter geheilt und wieder aufgebaut werden kann.

Was heißt das für Svenja?

Sie braucht Hilfe. Eine therapeutische Unterstützung.

Besonders gut geeignet sind Kreativtherapien wie Tanz- und Bewegungstherapien, aber auch Mal-, Gestaltungs- und Musiktherapien, die mit einem gesprächsorientierten Therapieverfahren verbunden werden.

Svenja gibt es wirklich.

Sie war meine Klientin. Ich habe ihren Namen geändert.

Sie hat gelernt, ihren Körper wahrzunehmen und Körper-Signale richtig zudeuten.

Parallel dazu erlernte sie einen guten Umgang mit diesen Körperempfindungen und die destruktiven Verhaltensweisen wie Trinken und Überessen verschwanden.

Wir haben die Ereignisse gefunden, die dazu führten, dass sie sich quasi von ihrem Körper „trennte“. Die Gefühle, die sie nie spürte, durften auftauchen und gefühlt werden. Viele weitere Schritte führten zu ihrer Heilung.

Heute kann sie sagen und spüren:

„Ich bin mein Körper. Er ist mein Zuhause. Ich fühle mich wohl in meinem Körper und akzeptiere ihn so wie er ist. Er ist nicht perfekt, aber er drückt ganz individuell meine Persönlichkeit aus. Was andere von mir denken, ist nicht wichtig. Ich bin schön, so wie ich bin! Und ich kann mich lieben und gut für mich sorgen.“

Ursachen von Körperschemastörung

Über die Ursachen von Körperschemastörungen habe ich in einem weiteren Artikel geschrieben.

Wann brauche ich Hilfe?

Wenn du mehrere der Fragen mit Ja beantwortet hast, dann empfehle ich dir, mit einer Psychologin zu sprechen.

  • In den Beratungsstellen deiner Stadt (Ehe- Familien und Lebensberatungsstellen oder Anlaufstellen für Essstörungen oder Wildwasser bei Traumaerfahrungen) bekommst du in der Regel schnell einen kostenlosen Termin und kannst ein unverbindliches Gespräch führen. Es verpflichtet dich nicht, eine längere Therapie zu machen, sondern dient der Abklärung. Dort erhältst du auch Tipps, wie es weitergehen kann.
  • Therapeutensuchseiten sind auch hilfreich. Z.B. pid
  • Suche nach Tanztherapeutinnen in deiner Nähe.
  • Andere Körpertheapeutinnen z.B. Tamalpa nach Anna Halprin.

Vielleicht ist eine Therapie gut für dich, vielleicht eine Gruppe, die Körperübungen macht … es gibt viele Möglichkeiten.

Unterstützung für ein besseres Körpergefühl

In meinen Blogartikeln findest du Übungen, die dein Selbstbewusstsein stärken und Unterstützung geben für ein besseres Körpergefühl.

Oder willst du Weiterlesen? In meinen Fach- und Sachbüchern

Zum Beispiel:

KörperReich: Theorie und Praxis: Behandlung der Körperschemastörung

Darin findest du Informationen für TherapeutInnen und Betroffene.

Das Wichtigste: Es soll dir immer gut gehen!

Elke Weigel

Du kannst dir etwas Gutes tun:

5 Tage bekommst du eine inspirierende Mail mit Körper-Übungen und kleinen Herausforderungen für ein ganz neues Gefühl zu deinem Gesicht und mehr Selbstbewusstsein.

Hier anmelden.

6 Gedanken zu „Habe ich eine Körperschemastörung?

  • 12. Oktober 2017 um 13:21
    Permalink

    Sehr schöner und spannender Artikel, der mich sehr inspiriert hat!
    Vielen Dank!
    Herzliche Grüße!
    Jenny

    Antworten
    • 12. Oktober 2017 um 13:28
      Permalink

      Liebe Jenny,
      danke für deine Rückmeldung!
      Ich freue mich, dass dich meine Schreibweise anspricht.
      Berichte doch, welche neue Sichtweise du bekommen hast oder was die Inspiriation bewirkt hat!
      Herzliche Grüße
      Elke

      Antworten
  • 16. Oktober 2017 um 10:05
    Permalink

    Danke, liebe Elke, für den ausführlichen Artikel.
    Ich beobachte das ganz häufig auch bei den Frauen, die zu mir kommen bzgl. ihrer sexuellen Wünsche.
    Das ist über reden alleine nicht lösbar, wie du schreibst. Und auch übermäßiger Sport, wie es dann doch häufig passiert, fördert da das Gefühl für den Körper nicht. Achtsame Selbstentdeckung des Körpers ist da wirklich Gold wert!

    Danke für den Artikel!

    Herzliche Grüße
    Claudia

    Antworten
  • 16. Oktober 2017 um 10:15
    Permalink

    Liebe Claudia,
    das hast du schön zusammengefasst. Genau, es geht um achtsame Selbstentdeckung des Körpers. So kann eine Frau lernen, sich aus ihrer Mitte heraus zu spüren und verlangt nicht mehr von ihrem Körper, dass er funktioniert. Sexualität ist ja eine Balance aus ganz bei sich sein und sich fallen lassen.
    Herzliche Grüße an eine Kollegin!
    Elke

    Antworten
  • 27. Dezember 2017 um 21:49
    Permalink

    Ich konnte durch diesen Artikel eine ganz neue Perspektive auf meine Probleme gewinnen. Ich werde seit Jahren auf diverse Diagnosen behandelt, aber nie wurden die Probleme mit meiner Körperwahrnehmung besprochen, obwohl sie, aus meinem Blickwinkel, ganz erhebliche Teile der Gesamtproblematik ausmachen. Durch die Fragen im Artikel ist mir deutlich klar geworden, dass ich mir gewisse Dinge nicht „einbilde“, sondern dass ich handeln kann, dass es Möglichkeiten gibt! Vielen Dank!

    Antworten
  • 28. Dezember 2017 um 9:53
    Permalink

    Ja, es gibt Möglichkeiten und ich bin froh, dass ich Sie mit meinem Artikel darin unterstützen kann, dass Sie nicht mehr denken müssen, Sie würden sich etwas einbilden.
    Zu verstehen, was mit einem los ist, ist der wichtigste Wendepunkt in der Heilung.
    Gehen Sie achtsam und liebevoll mit sich um, dann wird Ihr Körper Sie unterstützen, selbst wenn Sie ihn am Anfang noch gar nicht ganz wahrnehmen können. Er wartet auf Sie. 🙂
    Herzliche Grüße
    Elke Weigel

    Antworten

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