Was hilft, wenn negative Nachrichten das Nervensystem belasten?
Wenn Nachrichten das Nervensystem belasten
Gedanken zu den aktuellen Epstein-Veröffentlichungen
In den letzten Tagen haben mich mehrere Klientinnen auf die aktuellen Epstein-Veröffentlichungen angesprochen.
Manche berichten von Herzrasen, von Bildern, die sich aufdrängen und nicht mehr verschwinden wollen. Andere merken, dass sie immer wieder Nachrichten lesen, weiter scrollen, hängen bleiben – und sich dabei zunehmend hilflos, wütend oder innerlich gelähmt fühlen. Oft ist da auch Entsetzen.
Ich möchte ein paar Gedanken dazu teilen, wie man mit solchen Nachrichten umgehen kann – besonders dann, wenn man selbst eine Lebensgeschichte mit Grenzüberschreitungen und Ohnmachtserfahrungen hat.
Zuerst etwas Wichtiges vorweg:
Es ist meiner Meinung nach richtig und notwendig, dass solche Dinge öffentlich werden. Aufklärung, Opferschutz und Strafverfolgung brauchen Öffentlichkeit.
Was nicht notwendig ist: dass wir als einzelne Personen all diese Details wissen, lesen, anschauen und versuchen, sie innerlich zu verarbeiten.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, immer wieder mit detaillierten Berichten konfrontiert zu werden – schon gar nicht passiv, ohne Handlungsmöglichkeit. Besonders sensible Menschen oder Menschen mit eigener traumatischer Erfahrung reagieren darauf oft stärker. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von einem Nervensystem, das gelernt hat, auf Gefahr sehr genau zu achten.
.
Sich erlauben, keine Nachrichten zu lesen
Sich bewusst zu entscheiden, bestimmte Nachrichten nicht mehr zu lesen oder anzuschauen, ist kein Wegsehen und kein Bagatellisieren. Es ist Selbstschutz.
Die Menschen, die sich professionell mit Opferschutz, Ermittlungen und juristischer Aufarbeitung beschäftigen, tun ihre Arbeit unabhängig davon, ob wir diese Inhalte konsumieren. Indem wir die Nachrichten lesen, helfen wir weder den Betroffenen noch der Strafverfolgung – aber wir können uns selbst schaden.
.
Scrollen beenden
Viele bleiben trotzdem im Scrollen hängen. Das hat Gründe. Scrollen bedient Suchtmechanismen im Gehirn: kurze Reize, wechselnde Informationen, emotionale Aktivierung. Gerade wenn wir erschöpft sind, wenig Energie haben oder innerlich leer sind, greifen wir zum Handy – oft in der Hoffnung auf einen kleinen Kick, auf Belebung.
Schlechte Nachrichten können auch so aufwühlen, dass man meint, man müsse mehr darüber wissen, um sie verkraften zu können. Aber mehr hilft in diesen Fällen nicht.
Wir kennen solche Zusammenhänge aus anderen Bereichen längst. Wir wissen, dass wir kein Kilo Eis essen können, ohne dass uns schlecht wird. Wir wissen, dass Passivrauchen krank macht. Wir gehen nach Hause, wenn uns kalt ist.
Beim Internet sind wir noch am Lernen. Es ist ein relativ neues Feld, und wir üben erst, auch hier bewusst Entscheidungen zu treffen.
Wenn man erkennt: Ich greife gerade aus Erschöpfung oder innerer Spannung zum Scrollen, fällt es leichter, eine andere Entscheidung zu treffen – das ist Selbstfürsorge.
.
Und was ist mit den Gefühlen und Bildern?
Manchmal sind die Bilder schon da. Sie drängen sich auf, tauchen immer wieder auf, lösen starke Gefühle aus. Auch das ist eine normale Reaktion des Gehirns auf belastende Inhalte. Das Gehirn versucht, Gefahr zu verarbeiten – leider oft auf eine Weise, die uns weiter belastet.
.
Eine Übung, die entlasten kann
Eine Möglichkeit, das emotionale System zu entlasten, ist folgende Übung:
Stell dir das belastende Bild so vor, als wäre es auf einen Bildschirm projiziert, der vor dir an der Wand hängt.
Dann strecke deinen Finger aus und schiebe diesen Bildschirm langsam nach hinten. Während er sich entfernt, wird das Bild immer kleiner, farbloser, tonloser.
Schiebe es weiter, bis es nur noch stecknadelkopfgroß ist.
Dann schiebe dieses kleine Bild nach oben rechts in die Ecke – und folge dem Finger nicht mehr mit den Augen. Sieh nur noch, wie Bild und Finger aus deinem Blickfeld verschwinden.
Diese Art der inneren Bewegung aktiviert im Gehirn Mechanismen, die mit Vergessen und emotionaler Entkopplung zu tun haben. Es ist kein „Wegdrücken“, sondern eine aktive Regulation.
.
Eine hilfreiche Körperübung
Eine andere, sehr einfache Möglichkeit ist körperliche Rückmeldung:
Reibe deine Beine, Arme und deinen Nacken mit einem angenehm festen Griff ab. Das gibt dem Gehirn ein klares Signal: Ich bin hier. Jetzt. In meinem Körper. Das beruhigt besonders dann, wenn Bilder oder Gedanken uns innerlich wegziehen.
.
Bewusste Entscheidungen zur Selbstfürsorge
Und dann: Wende dich Dingen zu, die dich erfreuen. Kleine, echte, nährende Dinge. Musik, Bewegung, Kreativität, Natur, etwas Vertrautes. Das Nervensystem braucht nach Belastung positive Gegenreize, um wieder in Balance zu kommen.
Deine Selbstfürsorge darf – und soll – immer an erster Stelle stehen.
Nicht, weil dir die Welt egal ist. Sondern weil du Teil dieser Welt bist.
Körperfrohe Grüße
Elke Weigel
das könnte dir auch gefallen
Ursachen einer Körperschemastörung
21. August 2023
Heißhunger-Attacken bewältigen
15. Juni 2022